Warme Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster des Baubüros an der Goßlerstraße. Der von außen unscheinbare Container auf dem Parkhausdach hat es in sich: Die Wände zieren riesige Baupläne, durch eine Tür geht es in die eigene Küche und von der Decke hängt sogar ein Beamer. Die Mitte des Raums füllt ein großer Konferenztisch mit Platz für mindestens 15 Personen. Durch die vergitterten Fenster ist die Baustelle zu sehen. Von dort erklingen Hammerschläge, die schrillen Töne einer Kreissäge und das Brummen von Baufahrzeugen. In den letzten Monaten ist hier einiges passiert. Noch bis Ende 2023 standen größtenteils einstöckige Anbauten auf dem Gelände. Nach den Abbrucharbeiten wurde der Boden für das neue Untergeschoss ausgehoben und das Fundament gegossen. Seit der Grundsteinlegung im September 2024 geht es nun mit rasanter Geschwindigkeit in die Höhe. So errichten die Bauarbeitenden gerade bereits die Träger im ersten Obergeschoss. Über die ganze Szenerie wacht ein Turmkran, der den alten Klinkerbau des Georg-Elias-Müller-Instituts für Psychologie (GEMI) bei weitem überragt. Langsam schwenkt er seinen Ausleger über die Baustelle und transportiert schweres Gerät von einem Ort zum anderen. Mit dem neuen Forschungsbau Human Cognition and Behavior (HuCaB) soll es eben hoch hinaus gehen. Und das nicht nur in baulicher, sondern ebenso in fachlicher Hinsicht. „Es gibt nicht viele Forschungseinrichtungen von der Größe und mit den Möglichkeiten“, erklärt Dr. Rebecca Jürgens. Die Geschäftsführerin des entstehenden Forschungszentrums und Sascha Liebetrau, der Projektleiter des Baus, arbeiten eng zusammen, um bauliche Möglichkeiten und fachliche Anforderungen aufeinander abzustimmen. Aber was soll im HuCaB eigentlich erforscht werden? Und wodurch zeichnet sich der Forschungsbau dabei aus?
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Erforschung von Sozialkognition
Auf diese Fragen weiß Dr. Jürgens als Koordinatorin des Zentrums am besten Antwort. Die Biologin erklärt zunächst, dass das HuCaB nicht als Forschungsprojekt zu verstehen ist. Die finanzielle Förderung durch die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) beschränkt sich auf das Gebäude selbst und dessen Ausstattung. Der Forschungsbau wird dann vielmehr von einzelnen Projekten bezogen, die zum Teil bereits mehrere Jahre laufen und universitär oder durch Drittmittel finanziert sind. Ein thematischer Rahmen ist ihnen durch einen Antrag aus dem Jahr 2020 gesteckt. Dieser umfasst die Themenbereiche Wahrnehmung, Entscheidungsfindung und intraindividuelle Unterschiede. Im HuCaB wird also die menschliche Sozialkognition erforscht. Und das in interdisziplinärer Perspektive: Von psychologischen über mathematische bis hin zu informationstechnologischen Ansätzen bringt das Forschungszentrum die Menschen und Methoden aus verschiedensten Wissenschaften zusammen. Dr. Jürgens betont, dass für eine solche Zusammenarbeit die jahrelange Erfahrung der Forschungsteams essentiell ist. Den Überblick behält die Geschäftsführung zusammen mit dem Vorstand des HuCaB. Um größtmögliche Transparenz zu gewährleisten, werden die Projekte außerdem extern von einem wissenschaftlichen Beirat evaluiert.
Das HuCaB als Forschungsinfrastruktur
Im HuCaB werden also die Gehirnaktivitäten erforscht, die hinter sozialer Interaktion liegen. Aber worauf dürfen sich die Forschenden in dem Zentrum nun genau freuen? Die Antworten auf diese Frage sind vielfältig. In technologischer Hinsicht bietet das HuCaB neue Experimentalplattformen, die im Altbau des Instituts zum Teil gar nicht hätten untergebracht werden können. So wird neben der Installation eines Magnetenzephalographen (MEG) auch die Entwicklung eigener Forschungsgeräte möglich sein. Ein Highlight stellen die ‚Dyadic Interaction Platforms‘ dar. Mit diesen transparenten Bildschirmen kann die Interaktion von zwei einander gegenübersitzenden Menschen untersucht werden. Beispielsweise werden die Gehirnaktivitäten untersucht, während zwei Menschen gemeinsam eine Aufgabe auf dem zwischen ihnen stehenden Bildschirm lösen. Die benötigte Rechenleistung für die Live-Berechnungen wird ein Hochleistungsrechner vor Ort stellen. Für Langzeitberechnungen arbeitet das Forschungszentrum mit der GWDG zusammen.
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Kollegiales Miteinander im Gebäude
Das HuCaB bietet außerdem neue Möglichkeiten mit Blick auf den Austausch zwischen den Forschenden. Neben einem einladenden Innenhof soll besonders der Co-Working-Space im dritten Obergeschoss zum kollegialen Miteinander im Gebäude beitragen. Zudem ist der Raum mit eigener Küche sowie Zugang zu Balkon und Dachterrasse für Veranstaltungen im HuCaB vorgesehen. Durch Sitzmöglichkeiten im Foyer und einen neuen Fachschaftsraum sollen auch die Studierenden von dem entstehenden Forschungszentrum profitieren. Zwar konnten für die Bezuschussung des Neubaus keine Lehrflächen beantragt werden, jedoch bieten die Technologien neue Möglichkeiten für Qualifikationsarbeiten und Hilfskraftstätigkeiten. „Studierende sind Bestandteil unserer Forschung“, fasst Dr. Jürgens zusammen. Auch die Psychologiestudentin Lena Radach freut sich, „dass es dann möglich ist, im Seminar mal zu sagen, wir gehen einfach rüber und gucken uns das direkt an.“
„Studierende sind Bestandteil unserer Forschung“ – Dr. Rebecca Jürgens
Bauliche Synergien und Nachhaltigkeit
Für die bauliche Umsetzung des HuCaB ist Sascha Liebetrau als Projektleiter zuständig. Den Architekt freut es besonders, Synergien zwischen dem Alt- und Neubau herzustellen. So profitiert der alte Klinkerbau des GEMI durch Brandschutz- und Sanierungsmaßnahmen vom Bau des HuCaB und bleibt in die aktuellen Forschungsstrukturen eingebunden. Ein Kernthema sind die Nachhaltigkeitsaspekte des neuen Forschungszentrums. Neben umfassenden Photovoltaikanlagen auf dem Dach und in der Fassade hebt Liebetrau besonders das Retentionsdach und die Flächenheizung hervor. Ein Retentionsdach speichert Wasser durch komplexe Dachbegrünung und hält so möglichst viel Flüssigkeit im natürlichen Wasserkreislauf. „Wie eine grüne Wiese“, erklärt der Projektleiter. Mit einer Flächenheizung ist eine energieeffizientere Temperaturregelung im Gebäude möglich. Gleich zu Beginn der Bauarbeiten wurde eine Wasserzisterne in den Boden vor dem Altbau eingelassen.
Planmäßige Fertigstellung bis Ende 2026
Seit dem ist viel geschehen und Liebetrau blickt zuversichtlich auf den Baufortschritt: „Wir sind voll im Zeitplan.“ Das bedeutet konkret, dass der Rohbau perspektivisch bis zum Richtfest Mitte Mai steht und das Gebäude bis Ende 2025 von außen weitestgehend fertiggestellt wird. Anschließend steht der Innenausbau im Fokus und ab Mitte 2026 werden die Außenanlage des HuCaB gestaltet. Stand jetzt kann sich die Fakultät für Biologie und Psychologie also über eine fristgerechte Fertigstellung des Baus bis Ende 2026 freuen. Das hängt auch mit der Zusammenarbeit von Dr. Jürgens und Liebetrau zusammen. Die beiden sprechen von einem guten Austausch zwischen Planungsteam und Fakultät, sodass etwaigen Komplikationen in den letzten Jahren vorgebeugt werden konnte. Zudem haben die beiden stets auf eine transparente Kommunikation des Vorhabens nach außen gesetzt. Schließlich fließen etwa 60 Millionen Euro in das Forschungszentrum und entsprechend hoch liegen zum Teil auch die Erwartungen. Wenngleich man es damit nicht übertreiben dürfe, geht auch Dr. Jürgens von einer internationalen Strahlkraft des HuCaB für den Forschungsstandort Göttingen aus.