Schon wenn man den Platz der Synagoge betritt, liegt der Geruch von Essen in der Luft. Vor der Tür der Oberen-Masch-Straße 10 (OM10) wird in einem riesigen, dampfenden Topf gerührt. Oben im ersten Stock decken manche die langen Tische. Andere sitzen quatschend oder schweigend in der großen Sofa-Ecke in Erwartung an ein weiteres leckeres Essen – wie jeden Mittwochabend.
Es ist eine bunte Mischung an Menschen, die sich hier jede Woche zusammenfindet. Egal welches Alter, Geschlecht, welche Herkunft. Alle sind hier beim Internationalen Mittwochskochen willkommen. Nachdem Günther, der heute gekocht hat, die Glocke geläutet hat und noch ein paar Worte über das heutige Essen und anstehende Termine verloren hat, ist das Essen eröffnet. Heute steht Rohkost-Salat und Kohl-Kartoffel-Eintopf auf dem Speiseplan. Klingt vielleicht im ersten Moment nicht wie nach dem klassischen Lieblingsessen, scheint den meisten aber trotzdem sehr gut zu schmecken. Das Mittwochskochen wird mittlerweile seit zwei Jahren vom Forum-Waageplatz-Viertel (FWV) angeboten.
Zusammen für eine belebte Nachbarschaft
Das Forum-Waageplatz-Viertel (FWV) ist eine Initiative, die sich in erster Linie mit Nachbarschaftsvernetzung im Waageplatz-Viertel einsetzt. Das Viertel liegt in der nordwestlichen Innenstadt Göttingens – zwischen Goetheallee, Weender-Straße und Berliner Straße. Diese Vernetzung und Gemeinschaft versuchen die Mitglieder und Aktiven des Forums mithilfe verschiedener Angebote und Projekte herzustellen. Unter anderem gibt es dauerhafte Arbeitsgruppe zur Geschichte des Viertels, fürs Nachbarschaftskochen, zum Soziales Zentrum, zu Verkehr/Mobilität und zur Offene Mietberatung.
Wer alles zu der Nachbarschaft gehört ist gar nicht so leicht zu definieren. Die grobe Definition des Forums ist: „Zur Nachbarschaft gehören die, die im Viertel wohnen oder sich hier häufig aufhalten“, erzählt Karlo, ein Gründungsmitglied des Forums. Sie würde mit ihrer Definition aber noch weitergehen. Diesen offenen Auslegungen von Nachbarschaft sorgt auch für die Diversität unter den Beteiligten. Wie viele Mitglieder und Aktive das Forum zählt ist schwer zu sagen. Zu einer Kerngruppe von 15-20 Personen kommen je nachdem wen man mitzählt, 50-200 Menschen. Die Beteiligung reicht von regelmäßiger Teilnahme beim Kochen bis hin zur kurzen Mitarbeit an einem Projekt. Alle leisten ihren Beitrag zum Erreichen der Ziele des Forums.
Der Wunsch nach einem Sozialen Zentrum als Startschuss
Mit letzterem Wunsch hat 2017 auch alles angefangen. Damals plante die Stadt das leerstehende Gebäude der alten Justizvollzugsanstalt (JVA), das mitten im Viertel steht, in ein Hostel umzuwandeln. Die Angst vor negativen Auswirkungen auf das Nachbarschaftsgefüge durch das Hostel, führte zu Protest durch die Anwohner*innen. Sie wünschten sich eine nicht-kommerziellen Nutzung des Gebäudes. Stattdessen sollte ein Ort entstehen, der den Bedürfnissen der Nachbarschaft zugutekommt. Die gemeinsame Organisation war die Geburtsstunde des FWV – und später auch der Initiative für ein Soziales Zentrum. Gemeinsam mit weiteren Partnerorganisationen setzen sie sich für die Schaffung eines Ortes ein, an dem Nachbarschaft gestärkt, einen Raum für Begegnung geschaffen und gesundheitliche-, sowie sozialarbeiterische Beratung angeboten wird.
Im Juni 2024 hat die Stadt das Gebäude offiziell zum Kauf ausgeschrieben – Mindestgebot 140.000€. Für die Finanzierung und Sanierung wäre das Projekt neben Spenden und Krediten auch auf Fördermittel der Stadt angewiesen. Für die Ausschreibung der alte JVA liegen neben der für das Soziale Zentrum insgesamt vier Bewerbungen vor. Unter anderem gibt es Pläne für eine Brauerei mit Gastronomie, einen Working-Space und für einen Büro- und Wohnkomplex. Einige der Pläne kommen von Investoren, die außerhalb von Göttingen ansässig sind. Innerhalb des Forums besteht die Angst vor weiterer Gentrifizierung der Innenstadt durch den Bau von eher teurerem Wohnraum, sollte eines der anderen Projekte sich durchsetzen. Wer am Ende den Zuschlag für die alte JVA erhält und seine Pläne umsetzen darf/kann, bleibt abzuwarten.
Gemeinschaft durch zusammen kochen – Nachbarschaft geht durch den Magen
In dem Sozialen Zentrum würde auch das Internationale Mittwochskochen ein neues Zuhause finden. Das Mittwochskochen ist ein Projekt mit riesigem Erfolg. Es hat nun seit mittlerweile zwei Jahren ausnahmslos jede Woche stattgefunden. „Die Koch-AG ist so motiviert, dass sie das jetzt auch am 1. Weihnachtstag und an Neujahr gemacht haben.“, erzählt Karlo. Das Kochen hat das Forum als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und die darauffolgende Inflation ins Leben gerufen. Seitdem kann sich hier jede:r, dazu gesellen. Ganz egal ob man in der Nachbarschaft wohnt oder auch einfach nur auf der Suche nach sozialem Austausch oder einem leckeren, kostenlosen Essen ist.
Obwohl das Kochen als Reaktion auf gestiegenen Kosten begann, ist es mehr als das geworden. Es ist auch ein „Projekt gegen Einsamkeit“, wie Karlo es formuliert. Viele suchen hier den Austausch mit Nachbar*innen im Sinne einer gelebten Nachbarschaft, so wie Cyrille. Die Vielfalt an Menschen ist ebenfalls ein Grund herzukommen, erzählen Julia und Andreas. Zusätzlich konnte das Forum mehr Leute und Aufmerksamkeit durch das wöchentliche Angebot erreichen. Etwa 20-50 Menschen kommen hier pro Woche zusammen. Karlo erzählt, dass das regelmäßige Treffen zum Kochen „viel Energie freigesetzt hat“. Viele AG’S konnten erst durch die neuen Aktiven ins Leben gerufen werden.
Die Erzählungen Karlos und der Anderen lassen darauf schließen, dass mit dem Kochen genau die Vielfalt an Menschen aus der Nachbarschaft erreicht wird, die das FWV erreichen will. Liebe geht ja bekanntermaßen durch den Magen – Nachbarschaft anscheinend auch.
Solidarität mit allen Nachbar*innen
Das FWV setzt sich aber nicht nur mit der Zukunft des Viertels auseinander, sondern auch mit den aktuellen Anliegen der Anwohner*innen. Im Sinne von solidarischer Nachbarschaft setzen sie sich auch für die vermeintlich schwächsten Anwohner*innen ein. In diesem Fall für die Bewohner*innen der Wohnungslosenunterkunft der Heilsarmee in der Unteren-Masch-Straße 13b.
Der Göttinger Standort des bundesweit-agierende, kirchlichen Trägers macht seit längerer Zeit Probleme. Das alte, baufällige Haus ist stark sanierungsbedürftig. In offenen Briefen und Pressemitteilungen macht das Forum regelmäßig auf das Nicht-Einschreiten der Zentrale der Heilsarmee und der Stadt Göttingen aufmerksam. Auch das Göttinger Tageblatt schreibt in regelmäßigen Abständen über den maroden und gesundheitsgefährdenden Zustand des Hauses.
Aktuell kommen nun auch noch Personalentscheidungen aus der Zentrale der Heilsarmee in Köln dazu, die das FWV scharf kritisieren. Seit die langjährige Leitung des Hauses, Frau Gulde, entlassen wurde, sprechen Bewohner*innen von einer dramatischen Verschlechterung ihrer Situation. Um auf die Missstände aufmerksam zu machen hatte das Forum am 16.01. zusammen mit der Basisdemokratischen Linken zu einer Kundgebung aufgerufen. Zur Lösung des Problems fordert das Forum-Waageplatz-Viertel in diesem Fall, das sich die Heilsarmee aus Göttingen zurückzieht und die Stadt sich für eine alternative Immobilie kümmert. Weitere Details sind in den __________________________offenen Briefen und den Pressemitteilungen des FWV nachzulesen.
Das Mittwochskochen an diesem Abend neigt sich dem Ende. Während einige noch angeregt ihre Gespräche zu Ende führen, räumen andere die Tische ab. Im Flur wird auf der improvisierten Waschstrasse gespült. Auf dem Weg heraus bekommt noch jede:r der will ein paar Rosenkohle in die Hand gedrückt, die heute nicht ihren Weg in den Kochtopf gefunden haben. Viele die gehen, verabschieden sich winkend mit einem fröhlichen „Tschüss! Bis nächste Woche!“.