
Der Bus rauscht an einem vorbei, Fahrradfahrer*innen keuchen in der Kälte und eine Familie schiebt einen Kinderwagen, in dem ein Baby fröhlich vor sich hin brabbelt. Die Bäume stehen kahl und starr entlang der Bürgersteige. Die Pfalz-Grona-Breite scheint auf den ersten Blick nichts Besonderes zu haben: eine mittelgroße, nahezu perfekt gerade geschnittene Straße. Doch sie ist das Zentrum der Weststadt. Links und rechts reihen sich Zeilen von Mehrfamilienhäusern aneinander. Zwischen diesen Wohnhäusern geht das eingeschossige gelbe Gebäude mit dem braunen Flachdach fast unter. Das große weiße Schild zeigt in nüchterner blauer Schrift „Weststadtzentrum“. Als Kontrast dazu steht auf der Fassade im Graffitti-Style der Slogan „Gemeinsam für unsere Weststadt!“. Dazwischen mischen sich kreuz und quer verschiedene, bunt gemalte Gesichter. Während der Mann in Grau hinter seiner Brille zufrieden drein blickt, zieht ein anderer in Blau gemalter Mann skeptisch die Augenbrauen hoch und die Frau in Rot zeigt ihr breites Lächeln. Die Botschaft ist eindeutig: egal wie verschieden – hier sind alle willkommen.
Mehr Nachbarschaft in der Weststadt
Das Weststadtzentrum im gelben Haus in der Pfalz-Grona-Breite 84 ist ein Ort der Begegnung für alt und jung. Es bietet eine große Vielfalt an Angeboten, unter anderem Beratung, Kunst- und Yogakurse, Nachbarschaftsfrühstücke und ein Reperatur-Café. Außerdem stehen Bücher, sowie eine PC-Ecke zur Verfügung.

Die Angebote erfreuen sich großer Beliebtheit. So ist zum Beispiel das Anwohner*innen-Frühstück am Donnerstag eine echte Tradition geworden und die wöchentliche Fahrradwerkstatt wird mittlerweile ehrenamtlich von Anwohner*innen unterstützt, die früher selber Fahrrad-Tipps dort suchten. Neben den regelmäßigen Angeboten kann man hier aber auch einmalige und projektbezogene Veranstaltungen finden. Bisher werden die meisten Angebote von den Mitarbeitenden initiiert. In Zukunft soll jedoch versucht werden, die Bewohner*innen stärker in der Umsetzung ihrer eigenen Ideen und Wünsche zu unterstützen.
Ein langjähriges Projekt
Das Weststadtzentrum ist seit 2010 Teil des bundesweiten Programms Sozialer Zusammenhalt (ehemals Soziale Stadt). In ganz Deutschland werden mithilfe des Programms ausgewählte Stadtteile erneuert. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bau gibt als Ziel an, die „Wohn- und Lebensqualität sowie die Nutzungsvielfalt in den Quartieren zu erhöhen, die Integration aller Bevölkerungsgruppen zu unterstützen und den Zusammenhalt in der Nachbarschaft zu stärken.“ Die Finanzierung des Bundesprogramms wird zu je einem Drittel von Bund, Land und Kommune übernommen. Im Jahr 2020 wurde die finanzielle Unterstützung von Seiten der Bundesebene auf jährlich 200 Millionen Euro erhöht.
Bereits im Jahr 2009 hat sich die Göttinger Weststadt für die Aufwertung im Rahmen des Programms qualifiziert. Zu den Errungenschaften der letzten 16 Jahre gehört nicht nur die Einrichtung des Weststadtzentrums: Mithilfe der Förderung konnten unter anderem neue Spielplätze, Aufenthaltsorte, Betreuungs- und Jugendangebote geschaffen werden. Dabei wird großer Wert auf die Beteiligung der Bewohner*innen gelegt. Sie sollen mitentscheiden, wie ihre Weststadt erneuert wird. Beispielsweise hängen aktuell Flyer in der Weststadt, über die man über den neuen Standort einer frisch sanierten und mit Mosaik bestückten Bank abstimmen kann. Mit einem Sanierungsmanagement vor Ort und regelmäßigen stadtteilöffentlichen Sanierungsbeiratssitzungen werden die Bewohner*innen über die Projekte der Erneuerung informiert und können sich so beteiligen.
Neuer Glanz fürs alte Weststadtzentrum
Doch wer sich nun begeistert in die Weststadt aufmacht, um das Nachbarschaftszentrum mit eigenen Augen zu betrachten, wird momentan enttäuscht. Hinter der großen Glastür befindet sich derzeit nur ein dunkler und leerer Raum. Denn das Weststadtzentrum wird seit Beginn diesen Jahres saniert. Im Rahmen des Programms Sozialer Zusammenhalt konnte die BfGoe das Gebäude mit Fördermitteln kaufen und die Sanierung veranlassen. Bastian Toelke, Mitarbeiter im Sanierungsbüro der Weststadt erklärt, dass einerseits grundlegende Erneuerungen geschaffen werden, wie zum Beispiel eine verbesserte IT-Infrastruktur und mehr Barrierefreiheit. Andererseits werden die Möglichkeiten für die lang etablierten Angebote erweitert: die Fahrradwerkstatt bekommt endlich einen eigenen Raum und sogar ein Lastenfahrrad soll es hier bald zur Ausleihe geben.
Doch bis zur Fertigstellung der Arbeiten müssen die Anwohner*innen natürlich nicht auf die Angebote verzichten. Stattdessen sind sie vorübergehend an verschiedenen Orten im Viertel verteilt – alles fußläufig zu erreichen. Bis wann genau die Sanierung gehen wird, bleibt abzuwarten. Doch Toelke zeigt sich optimistisch und hofft auf eine Fertigstellung bis Anfang 2026.
Wer steckt dahinter?
Bastian Toelke ist Mitarbeiter im Sanierungsmanagement und zudem bei der Jugendhilfe Göttingen e.V. angestellt. Neben seiner Tätigkeit im Sanierungsbüro ist er Gemeinwesensarbeiter im Weststadtzentrum, bei dem die Jugendhilfe Göttingen e.V. Kooperationspartnerin ist. Ziel ist es den Austausch und die Beteiligung der Bewohner*innen zu fördern. Die hauptamtliche Leitung des Nachbarschaftszentrums wird heute hingegen von der BfGoe gestellt. Diese beschäftigt zusätzlich zwei projektbezogene Mitarbeitende. Doch ohne eins könnte das Weststadtzentrum nicht leben: die Ehrenamtlichen. Sie leisten mit ihrem Engagement einen wichtigen Teil zur Arbeit des Weststadtzentrums. Toelke berichtet von Bürger*innen, die „mit einer Selbstverständlichkeit engagiert“ sind, die er bemerkenswert fände. Auf die Frage, ob weitere Ehrenamtliche benötigt werden, antwortet er mit einem entschiedenen „Ja – immer.“ Dafür seien auch keine speziellen Anforderungen notwendig. Jede freiwillige Person könne ganz nach ihren Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden. Lediglich Offenheit und Interesse sollten mitgebracht werden.
Ist das Weststadtzentrum in Gefahr?
Der Erfolg des Weststadtzentrums ist maßgeblich abhängig von zwei Faktoren – engagierten Menschen mit neuen Ideen, sowie den Fördermitteln von Bund, Land und Kommune. Erst die Förderung ermöglicht schließlich die bauliche Erneuerung. Debatten um Fördermittel waren allerdings in den letzten Monaten in Göttingen medial sehr präsent. Im Herbst stellte Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) das sogenannte „Haushaltssicherungskonzept“ (HSK) vor. Daraufhin brach von vielen Seiten Kritik los. Der Co-Fraktionschef von den Grünen äußerte die Sorge, dass Konzept würde „zentrale Zukunftsbereiche wie Jugend, Bildung, Soziales, Umwelt und Klimaschutz unverhältnismäßig stark belasten“.
Nach Protesten von Stadtgesellschaft und betroffenen Organisationen wurde der ursprüngliche Entwurf vor dem Beschluss im Rat noch einmal überarbeitet – die Kritik hält jedoch weiterhin an. Das beschlossene HSK sieht unter anderem eine Kürzung der Finanzhilfen für die BFGoe vor. Ist deshalb das Weststadtzentrum bedroht?

Nein, versichert Toelke. Alle geplanten Sanierungsmaßnahmen in der Weststadt seien durch die Rahmenbedingungen der Förderung über die nachfolgenden Jahre gesichert. Dennoch äußert er sich im Hinblick auf mögliche Kürzungen im Kultur- und Jugendsektor besorgt. Langfristig könnten solche Einsparungen „die Anfälligkeit für Ansätze von menschenfeindlichen und rassistischen Parteien begünstigen“.
Das Weststadtzentrum jedenfalls versucht weiterhin, ganz im Sinne des Bundesprogramms, den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Der Slogan zwischen den bunten Gesichtern auf der Fassade des Hauses fasst dieses Ziel so schön simpel zusammen: Gemeinsam für unsere Weststadt!